25 Jahre ARTE: (K)eine europäische Öffentlichkeit

Beitrag verfasst von: Anne-Kathrin Meinhardt

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[kommentiert]: Anne-Kathrin Meinhardt über die Gründung und Wirkung des Senders ARTE.

Sich selbst präsentiert ARTE als „der öffentlich-rechtliche europäische Kulturkanal“[1]. Mit der Gründungsidee, einen europäischen Fernsehsender zur Bildung einer gemeinsamen Öffentlichkeit zu schaffen, entstand ARTE im April 1991. Was ist jedoch aus dieser 25 Jahre alten europäischen Idee geworden?

Es war in den 1980er Jahren, als der Gedanke aufkam, der europäischen Idee mithilfe eines europaweiten mehrsprachigen Fernsehsenders eine Öffentlichkeit zu verleihen. Im Vorfeld hatten die damaligen Politiker immer wieder die „Berichterstattung über die Europäischen Gemeinschaften“[2] beanstandet, die nicht ausreichend über das europapolitische Geschehen berichtete. Mit einem gemeinsamen europäischen Fernsehprogramm erhofften sie, über die Nationalstaaten hinaus das Interesse für Europa zu fördern und den Integrationsprozess zu beschleunigen: Bürger benötigen allgemeine Informationen, um Wahlentscheidungen treffen zu können; Politiker wiederum benötigen eine Beobachtung der Öffentlichkeit, um die Wünsche der Bürger kennenzulernen.[3] Allerdings hatten auch Fernsehproduzenten zu dieser Zeit bereits mit der Idee eines europäischen Senders gespielt.

Nach langen Verhandlungen und der Überwindung einiger Hürden wurde Ende April 1991 dann ARTE (association relative à la télévision européenne, dt.: Organisation für das europäische Fernsehen) mit Sitz in Straßburg gegründet. Jedoch konnte mit diesem Sender keine europäische Dimension erreicht werden; denn ARTE war lediglich binational zwischen Deutschland und Frankreich entstanden.[4] Die ursprüngliche Idee war zwar bereits einige Jahre zuvor mit Europa TV umgesetzt worden, konnte sich aber nicht durchsetzen. Dafür sollte mit einem französisch-deutschen Programm die Zusammenarbeit beider Länder intensiviert werden, sodass es 1989 zu einer Erklärung eines Deutsch-Französischen Kulturkanals kam. Ziel von ARTE war und ist seither, „das Verständnis der Völker in Europa zu fördern“[5]. „Das bilaterale Vorhaben war auch ein Versuch gewesen, europäische Medienpolitik zu betreiben“[6] – vereinte dieser Sender doch die Ideen, das europäische Fernsehen sowie dort produzierte Filme zu fördern, den Integrationsgedanken zu verdeutlichen und die deutsch-französischen Beziehungen zu vertiefen.[7]

In der Gründungsphase gab es freilich noch einige, der Bilateralität geschuldete, Probleme zu lösen: So verfolgte ARTE das ehrgeizige Ziel, einen gemeinsamen Kulturbegriff für das Programm zu definieren – allerdings scheiterte dieses Vorhaben an den unterschiedlichen nationalen Sichtweisen. Dieses Ziel zu erreichen wäre jedoch wichtig gewesen, da davon ausgegangen wird, dass potenzielle Zuschauer über eine kulturelle Identifikationsmöglichkeit erreicht werden können.[8]

Die zweite Herausforderung stellte die Sprache dar: Sendungen in den jeweiligen Landessprachen galten als Erfolgsrezept. Genau hierin liegt jedoch ein weiteres Problem: Nicht nur die kulturelle Herkunft, sondern auch die Sprache ist in Europa derart heterogen, dass ein erfolgreicher europäischer Sender diese Hürde überwinden müsste. Immer wieder wird bemängelt, dass ARTE diese Hürde verfestige, da das Programm in beiden Sprachen ausgestrahlt wird.[9]

Heute wird das Programm immerhin mindestens mit Untertiteln in vier Sprachen (Französisch, Deutsch, Englisch und Spanisch) ausgestrahlt, sodass 55 Prozent der Europäer ARTE-Sendungen in ihrer Muttersprache verfolgen können.[10] ARTE selbst gibt an, von 165 Millionen Haushalten in Europa empfangen zu werden – bei etwa 216 Millionen Haushalten in der EU insgesamt haben somit ca. 75 Prozent der Haushalte Zugang. Für ein binationales Programm ist der Anteil folglich sehr hoch, für den europäischen Anspruch an einen Sender hingegen eher gering. Dies liegt auch daran, dass seit der Gründung des Fernsehsenders Kooperationen mit weiteren Nationen wie Schweden, Polen, Griechenland oder der Schweiz aufgenommen worden sind, sodass die „binationale Beschränkung“[11] an Bedeutung verloren hat. Allerdings ist ARTE nur teilweise gelungen, das anfängliche Ziel zu verwirklichen, die auf der europäischen Ebene gestaltete Politik zu vermitteln: Obwohl die europäischen Entscheidungen zunehmend stärker in die nationalen und regionalen Angelegenheiten eingreifen, werden sie noch immer  bloß national und regional in den Medien präsentiert.[12] Dennoch – und an diesem Anspruch hat sich seit Beginn von ARTE nichts geändert – sei aufgrund des zunehmenden Einflusses von „Europa“ in unserem Alltag die Behandlung europäischer Thema aus journalistischer Perspektive ein notwendiges Ziel des Senders.[13]

Zu Beginn wurde ARTE darüber hinaus kritisiert, dass das ursprüngliche Ziel, einen Beitrag „zur Entwicklung grenzüberschreitenden Fernsehens [zu leisten,] bis jetzt kaum umgesetzt“[14] worden sei. ARTE sei zwar als europäische Idee gegründet, aber als binationales Projekt verwirklicht worden, sodass die europäische Komponente nur symbolisch bestehe. Dies spiegele ein typisches Problem wider: Nationale Kompetenzen würden nur ungern auf neu gegründete europäische Institutionen übertragen.[15] Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass auf Zuschauerseite generell das Interesse an einem Sender fehle, der die europäische Ebene repräsentiere. Demnach sei die Nachfrage zu gering, wodurch folglich das Angebot fehle.[16]

Die Perspektive von ARTE selbst ist erwartungsgemäß eine andere: Auf der Website des Senders heißt es: „Eine Vision wurde Wirklichkeit – der öffentlich-rechtliche europäische Kulturkanal ARTE fördert das Verständnis und die Annäherung der Völker in Europa und hat sich fest in der europäischen Fernsehlandschaft etabliert.“[17] Das Ziel scheint somit erreicht.

Allerdings sind die kritischen Äußerungen der 1990er Jahre auch heute, gut zwei Jahrzehnte später, teilweise noch gültig. Eigentlich hätte die deutsch-französische Produktion als ein Sprungbrett für eine europäische Öffentlichkeit dienen können – denn beide Länder liegen geografisch zentral und spielen in Europa eine historisch gewachsene Rolle. Stattdessen scheiterte ARTE vielerorts an Sprachgrenzen und anderen nationalen Hürden.

Sicherlich ist dabei zu bedenken, dass sich die Voraussetzungen in Europa und der EU seit der Gründung von ARTE stark verändert haben – man beachte nur die gestiegene Zahl an Mitgliedsstaaten der EU, was eine gemeinsame Öffentlichkeit erschwert. Auch wenn die Repräsentation europäischer Vielfalt weiterhin das Ziel des Senders bleibt, scheint eine kurzfristige Umsetzung dieses Anspruchs angesichts der kulturellen und sprachlichen Vielfalt innerhalb der EU derzeit unmöglich.

Anne-Kathrin Meinhardt ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] ARTE G.E.I.E.: Arte auf einen Blick. Der öffentlich-rechtliche europäische Kulturkanal, in: arte.tv, URL: http://www.arte.tv/sites/de/corporate/qui-sommes-nous-cluster/?lang=de [eingesehen am 07.04.2016].

[2] Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal ARTE: Idee und Rechtsgehalt nach deutschem und europäischem Recht, Berlin 1997, S. 57.

[3] Vgl. Gerhards, Jürgen: Westeuropäische Integration und die Schwierigkeiten der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit, in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 22 (1993), H. 2, S. 96–110, hier S. 98.

[4] Vgl. Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal ARTE: Idee und Rechtsgehalt nach deutschem und europäischem Recht, Berlin 1997, S. 66.

[5] ARTE G.E.I.E.: Arte auf einen Blick. Der öffentlich-rechtliche europäische Kulturkanal, in: arte.tv, URL: http://www.arte.tv/sites/de/corporate/qui-sommes-nous-cluster/?lang=de [eingesehen am 07.04.2016].

[6] Gräßle, Inge: Der europäische Fernseh-Kulturkanal ARTE: deutsch-französische Medienpolitik zwischen europäischem Anspruch und nationaler Wirklichkeit, Frankfurt am Main 1995, S. 110.

[7] Vgl. ebd., S. 211.

[8] Vgl. Gerhards 1993, S. 101.

[9] Siehe Plog, Jobst: Zehn Jahre arte. Etablierung eines „unmöglichen Experimentes“, in: Die politische Meinung, Jg. 47 (2002), H. 390, S. 75–79, hier S. 76.

[10] Siehe ARTE G.E.I.E.: Meilensteine, in: arte.tv, URL: http://www.arte.tv/sites/de/corporate/category/themes-de/die-meilensteine-de/?lang=de [eingesehen am 07.04.2016].

[11] Gräßle 1995, S. 118.

[12] Vgl. ebd., S. 214.

[13] Siehe Plog 2002, S. 78.

[14] Gräßle 1995, S. 219.

[15] Siehe ebd., S. 222.

[16] Siehe Kleinsteuber, Hans/Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum: Akteure, Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik, Opladen 1994, S. 325.

[17] ARTE G.E.I.E.: Meilensteine, in: arte.tv, URL: http://www.arte.tv/sites/de/corporate/category/themes-de/die-meilensteine-de/?lang=de [eingesehen am 07.04.2016].