Mehr Spielplätze für Merkel und Co.?

Beitrag verfasst von: Johanna Klatt

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[debattiert]: Johanna Klatt über die Voraussetzungen von Visionen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – den meisten politisch Interessierten ist diese Sentenz des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt wahrscheinlich geläufig. Der Ratschlag, einen Arzt aufzusuchen, suggeriert dabei zwei Unterstellungen:

  1. Ich bin oder fühle mich krank.
  2. Ich habe die Intention, dieses Nichtfunktionieren zu beheben, also wieder zu genesen.

Schmidts Ratschlag impliziert damit das Verständnis von Visionen [1] als Defekte, als ein maroder Zustand. Mag diese Einschätzung als pathologische Diagnose auf das ein oder andere Individuum zutreffen, so bezog der Altbundeskanzler sie auf den Politikbetrieb im Allgemeinen, der seinem Verständnis nach besser nicht herum zu spekulieren, sondern handlungsorientiert und mit einem Fokus auf die Gegenwart zu agieren habe.

Heute, ein knappes halbes Jahrhundert nach Schmidts Aussage, scheint sich die Einstellung zu Visionen, Utopien oder gar „verrückten“ Ideen gewandelt zu haben. Visionen werden vermisst; dieser Eindruck drängt sich zumindest angesichts einer aktuellen Häufung derartiger Klagen aus politikwissenschaftlichen oder politikberatenden Berufszweigen auf.

So beklagen etwa die Politikwissenschaftler Danny Michelsen und Franz Walter, dass es um Zukunftsvisionen derzeit nicht gerade gut bestellt sei: „Das Politische kommt heute vermehrt in Gestalt der unparteiischen Gegendemokratie daher, die meist keine konstruktiven Entwürfe vorbringt, sondern den Widerspruch gegen die Regierenden ritualisiert, die darauf wiederum mit Nicht-Handeln und simulierten Dialogen reagieren.“ [2] Der Politologe Matthias Micus spricht von einer „Standardklage in den Kommentarspalten des Politischen“, dass es „keine Visionen, nirgends“ mehr gebe. [3] Die Zeitschrift INDES begibt sich gar mit einer ganzen Ausgabe auf die Suche nach den (verloren gemeinten) „Vordenkern“. [4] Und die Autorin Eva Kreisky kritisiert eine mangelnde Utopie-Offenheit bei Politikwissenschaft, Politik und Gesellschaft. [5] Im politischen Feuilleton versuchte man unlängst, visionärem und utopischem Denken gezielt eine Bühne zu bereiten. [6] Der Autor Florian Schmid schließlich nimmt einen interdisziplinären Blick ein und hat sich sowohl im gegenwärtigen Science-Fiction-Genre wie auch auf Seiten der politischen Linken vergeblich auf die Suche begeben nach konkreten politische Utopien, die „nicht [nur] kollektive Ängste schüren, sondern das Begehren nach einer anderen, besseren Welt wecken“ [7].

Zunächst: Was sind eigentlich Utopien und Visionen? Utopien sind „Steinbrüche für gewagte Problemlösungsansätze“, beschreibt bildlich Gregor Matjan. [8] Utopien in den Raum zu werfen, bedeutet damit auch, sich hervorzuwagen, sich von einer schweigenden Mehrheit abzugrenzen und die behütende Sicherheit der Masse zu verlassen. Bei einer Vision handelt es sich um eine „Gesichtswahrnehmung, der aktuell jedoch kein empirisch faßbarer Gegenstand entspricht“, so ihre lexikalische Definition. [9] Über derartige terminologische Fragen hinaus ist jedoch relativ wenig bekannt über die Voraussetzungen von Visionen und Utopien. Was ist also notwendig, damit Utopien und Visionen entstehen?

Visionen und Utopien befinden sich außerhalb des Bestehenden. Um sie sprießen zu lassen, muss man sich gedanklich vom existierenden Gefüge lösen, muss dieses mindestens theoretisch, vielleicht zwischenzeitlich auch physisch verlassen und sich dem „Brockhaus“-Duktus gemäß in Sphären außerhalb „empirisch faßbarer Gegenstände“ begeben. Auf diese Art außerhalb des Systems zu denken, ist vielleicht gesellschaftlichen Aussteigerinnen oder Aussteigern möglich, Träumerinnen oder Träumern, auch Menschen, die sich in einem „Sabbatical“, einer temporären Auszeit von Beruf und Alltag, befinden; sie erhoffen sich einen distanzschaffenden Blick auf die Blase, in der sie sich ihrem Gefühl nach befinden. Zuweilen soll auch der Rückgriff auf Drogen berauschte Zustände versprechen, welche wiederum visionserzeugende Kreativitätsprozesse entfalten. [10] Eine besondere Außensicht auf bestehende Gefüge ist schließlich Kindern zu eigen; denn sie haben systemische Gefüge noch nicht umfassend verinnerlicht und blicken damit auf ihre Art freier und kreativer auf ihre Umwelt.

Derartige Außenansichten setzen wiederum eine gewisse Sicherheit voraus, in bestehende Gefüge zurückkehren zu können. Gerade gegenwärtig ist es um diese vielleicht besonders schlecht bestellt; denn Zeiten der ökonomischen Krise befördern nicht unbedingt den kurzzeitigen Systemausstieg. Erinnern wir uns an die Eingangsthese von Helmut Schmidt: Um Visionen zu haben, müsse man krank oder zumindest ein wenig schrullig sein. Auf diese Weise Denkende haben es in der gegenwärtigen Gesellschaftskultur schwer, da diese von finanziellen Sorgen oder zumindest der Vorahnung eines ökonomischen Abstiegs in der langfristigen Zukunft geprägt ist. Inmitten eines solchen Zeitgeists gilt es, für sich und, falls vorhanden, für die eigene Familie mit kräftigen Zügen im Strom „mitzuschwimmen“, ja, sich über Wasser zu halten und möglichst effizient, kenntnisreich und leistungsstark zu handeln. Eben nicht defekt zu sein, wie es Schmidts Aussage andeutet.

Visionäre gehen also ein Risiko ein. Möchte man dieses Risiko minimieren, um den Ausstoß schräger Einfälle zu erhöhen, müsste man Individuen ermöglichen, aus einem bestehenden Gefüge kurzzeitig gedanklich ausbrechen, ein „Aussteiger im Geiste“ sein zu können – ohne dabei Gefahr zu laufen, mit diesem Schritt grundsätzlich aussteigen zu müssen. Eine Voraussetzung für das Entstehen von Visionen und Utopien ist somit auch eine gewisse Grundsicherheit.

Foto: Helene Souza  / pixelio.de

Visionär zu denken heißt aber auch, mitunter einfach zu raten, zu spekulieren oder zu erfinden, wofür eine bestimmte „Freiheit des Nichtwissens“ zuträglich sein kann. Nicht zu wissen, wie es beispielsweise unter einer Motorhaube aussieht, erleichtert, sich unkonventionelle oder gar gänzlich neue Wege auszudenken, wie denn ein Antrieb funktionieren könnte. Visionen zu generieren bedeutet auch, auf ein weißes Blatt Papier etwas Eigenes zu projizieren, was wiederum viel Fantasie und Kreativität erfordert; nicht zuletzt auch Zeit und Geduld. Hinsichtlich spielerischer Lockerheit und uneingeschränkter Denkräume der Kreativität gelangen wir an dieser Stelle bei den Kleinsten an: bei Kindern. Nicht umsonst sind sie Inspirationsquellen für das Arbeitsdesign in den Zentren der ökonomischen Entwicklung im 21. Jahrhundert: Google- oder Apple-Mitarbeiter [11] werden teilweise explizit dazu angeregt, wieder zu „spielen“.

In Industrie und Wirtschaft hat man sich intensiv mit diesen für Utopien und Visionen erforderlichen kognitiven Entstehungsprozessen auseinandergesetzt. Unter anderem im Silicon Valley wird im Wissen um die potenzielle ökonomische Kraft einer zündenden Idee Kreativität gezielt gefördert. Und es werden die zum Teil umfangreichen (Zeit-)Räume für das Entstehen derselben geboten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen möglichst aus bestehenden Denkszenarien ausbrechen und, wie es die Google-Mitarbeiterin Lorraine Twohill formuliert, wieder „WarumFragen stellen. [12] Ihr strukturelles Umfeld gewährleistet überdies die erforderliche Grundsicherheit für „verrücktes“ Denken.

Spannen wir nun den Bogen zurück zum Politikbetrieb und den dort offensichtlich fehlenden Inspirationen, Ideen, Visionen und Utopien. Müsste nicht die Konsequenz aus den konzentrierten Lamenti über fehlendes normabweichendes Denken im Politikbetrieb lauten, als nächstes darüber nachzudenken, wie sich der kreative Esprit der jeweiligen Mitarbeiterstäbe konstruktiv fördern ließe? In der freien Wirtschaft wurde dieser Weg vielfach gewählt und viele größere Betriebe versuchen, eine Atmosphäre zu fördern, die das Entstehen eines sonst für Organisationen typischen Konservatismus möglichst eingrenzt. [13] Dabei geht es um eine sowohl unkonventionelle als auch angenehme Arbeitsatmosphäre für die Angestellten. So ist das Hauptquartier von Google an der amerikanischen Ostküste gespickt mit einem „Labyrinth aus Spielplätzen, Bars, Cafés und offenen Küchen, sonnigen Freiluftterrassen mit Chaiselongues, Gourmet-Cafeterien, die rund um die Uhr gratis Frühstück, Mittag- und Abendessen“[14] offerieren.

Kaum denkbar, dass sich Politikschaffende wie Angela Merkel oder Sigmar Gabriel in ähnlicher Weise wie die Google-Belegschaft innerhalb überdimensionaler Playmobilfiguren und Plastiklastern bewegen. Doch überstrapaziert ist der Vergleich zu Unternehmenskulturen internationaler Wirtschaftsplayer sicherlich nicht. Vielleicht bedürfte es auch im nationalen wie in den Landesparlamenten von München bis Kiel prinzipiell vergleichbarer Räume und Freiheiten. Denkbar wären bescheidene Ansätze zur Verbesserung des kreativen Denkens im Deutschen Bundestag oder den Parteizentralen; oder zumindest eine diesbezüglich selbstkritische Reflexion der hauseigenen „Unternehmenskultur“. „Spielräume“ also nicht nur im übertragenen, sondern womöglich im wortwörtlichen Sinne, die Fantasie und Kreativität der Gestalter von Normen und Gesetzen in unserer Gesellschaft fördern könnten. Um Kreativität und grundsätzliches Nachdenken über „Warum“-Fragen anzuregen, ließe sich auch eine kurzzeitige, aber gezielte Freistellung von Politikerinnen und Politikern von ihren Aufgaben erwägen.

Angesichts der enormen Unpopularität der Berufsgruppe des Politikers sind derartige Szenarien den meisten Wählerinnen und Wählern – auch als Steuerzahlerinnen und -zahlern – vermutlich schwer vorstellbar. Doch: Warum sollte das, was für den wirtschaftlichen Fortschritt, für neue Smartphone-Apps oder Internet- und Automobilsoftware als erstrebenswert erachtet wird, nicht auch für die Entwürfe von Politik und Gesellschaft gelten?

Johanna Klatt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Im Folgenden werden die (jeweils terminologisch durchaus auch unterschiedlichen) Begriffe „Visionen“ und „Utopien“ intendiert holistisch mit einer Perspektive auf die politische Gegenwartskultur zusammengefasst.

[2] Michelsen, Danny; Walter, Franz: Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation, Berlin 2013, S. 356 f.

[3] Micus, Matthias: Peter Glotz. Das Dilemma des Intellektuellen, in: Institut für Demokratieforschung, Blog, 04.04.2014, URL: https://www.demokratie-goettingen.de/blog/peter-glotz-dilemma-intellektuellen_040314 [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].

[4] Walter, Franz (Hrsg.): Wo sind die Vordenker?, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 0/2011.

[5] Kreisky, Eva: Die Phantasie ist nicht an der Macht. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, Jg. 29 (2000), H. 1, S. 7-28, hier S. 10.

[6] Vgl. die Serie „Utopien“ der Wochenzeitung ZEIT, die nach Ansicht der Autorin vergleichsweise moderate, jedenfalls in den seltensten Fällen wahrlich „verrückte“ oder verquere gesellschaftspolitische Vorschläge beinhaltet, URL: http://www.zeit.de/serie/utopien [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].

[7] Schmid, Florian: Magische Klassenkämpfer, in: Der Freitag, 22.08.2013, URL: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/magische-klassenkaempfer [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].

[8] Matjan, Gregor: After Liberalism, oder die Rückkehr des Politischen in der Utopie, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaf, Jg. 29 (2000), H. 1, S. 75-91, hier S. 85.

[9] Der große Brockhaus: in zwölf Bänden, Bd. 12: Vek – ZZ, 18., völlig neubearbeitete Auflage, Wiesbaden, Brockhaus, 1981, S. 138.

[10] Über die Kreativität entfaltende Wirkung von Rauschzuständen bei Autorinnen und Autoren vgl. Magenau, Jörg: Berauschtes Schreiben, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3/2013, S. 102-108.

[11] Zu Apples ehemals „kreativer Diktatur“ und innovationsfördernden Unternehmenskulturen im internationalen Vergleich siehe: Interview mit Jens-Uwe Meyer: „Manager müssen üben zu versagen“, in: Brand Eins, H. 9/2010, URL: http://www.brandeins.de/archiv/2010/nachfolge/manager-muessen-ueben-zu-versagen.html [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].

[12] Twohill, Lorraine: The Curious Case of Creativity, in: Google Think Insights (Blog), April 2012, URL: http://www.thinkwithgoogle.com/articles/the-curious-case-of-creativity.html [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].

[13] Vgl. über die Google-Kultur o.V.: Creative Tension, in: The Economist, 17.09.2009, URL: http://www.economist.com/node/14460051 [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].

[14] Stewart, James B.: Looking for a Lesson in Google’s Perks, in: New York Times, 15.03.2013, URL: http://www.nytimes.com/2013/03/16/business/at-google-a-place-to-work-and-play.html?_r=0 [zuletzt eingesehen am 13.03.2014].