Gefährliche Experten – die Göttinger Achtzehn

[präsentiert]:  Robert Lorenz  über die Göttinger Erklärung und ihre Rolle in der deutschen Wahrnehmung der Atomkraft.

Die junge Geschichte der Kernkraftwerke verzeichnet bereits eine ganze Serie von katastrophalen Störfällen – Windscale/Sellafield (UK, 1957), Belojarsk (UdSSR, 1977), Harrisburg (USA, 1979) und die beiden bislang schlimmsten wie auch bekanntesten Fälle Tschernobyl (UdSSR, 1986) und Fukushima (Japan, 2011). Während die früheren Vorfälle die Überzeugungskraft und Strukturen der Atomkraftbefürworter, die der Enthusiasmus der Propheten des Atomzeitalters in den 1950er und 1960er Jahren geschaffen hatte, nicht zu überwinden vermochten, sorgte die japanische Katastrophe doch noch für eine Wende. Dass es erst jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, einen Anti-Atomkonsens in der deutschen Politik – und wohl mehrheitlich auch in der Bevölkerung – gibt, obwohl doch die Sicherheitslage in der Vergangenheit kaum besser gewesen sein dürfte, beruht auf der politischen und wirtschaftlichen Durchsetzungskraft eines Kartells aus Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftskapitänen, das sich in den 1950er Jahren gebildet hatte.

Ein wichtiger Beitrag zur Begründung der (west-)deutschen Atomwirtschaft kam 1957 aus Göttingen. Am 12. April 1957 übermittelte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Otto Hahn, eine Schrift an Presseagenturen und Tageszeitungen, die bereits einen Tag später die deutschen Medien dominierte. In der „Göttinger Erklärung“ kritisierten insgesamt achtzehn Professoren[1] die Verteidigungspolitik der Bundesregierung und forderten den Verzicht auf Atomwaffen für die Bundeswehr, empfahlen jedoch uneingeschränkt die Fortentwicklung der zivilen Kernkraftnutzung.

Was die öffentliche Meinung und zum Teil auch die Zeitgeschichtsschreibung als vorbildlichen Akt des Gewissens und außergewöhnliches Dokument wissenschaftlicher Verantwortungsübernahme feierte, war in Wirklichkeit die einseitige Verherrlichung einer unausgereiften, bekanntermaßen potenziell gefährlichen Technologie, eine mithin zumindest teilweise verantwortungslose Stellungnahme. Mehr noch: Unter dem Deckmantel vermeintlich objektiver Sachverständiger betrieben Wissenschaftler selbstdienliche Interessenpolitik. Stärker, als dass sie die Verbreitung von Atomwaffen unterbanden, verzögerten sie den Reflex einer kritischen Gesellschaft in Gestalt der späteren Anti-AKW-Bewegung und trugen maßgeblich dazu bei, den Staat auf den Bau von Kernkraftwerken zu verpflichten.

Dahinter standen die beiden Nobelpreisträger Werner Heisenberg und Otto Hahn sowie der Wissenschaftsmanager Walther Gerlach. Allesamt Kernphysiker, hatten sie während des Zweiten Weltkriegs an einem Kernreaktor, dem „Uranbrenner“, geforscht. Nachdem es 1939 Hahn gelungen war, einen Urankern zu spalten, war der Weg frei, um gewaltige Energiemassen zu erzeugen. Diese konnten freilich sowohl für die Explosionswirkung einer Bombe als auch für die Stromerzeugung in einem Kraftwerk genutzt werden. Die deutschen Nuklearwissenschaftler, die damals in ihrem Fach zur Weltspitze zählten, spezialisierten sich sehr schnell auf letzteren Weg, da sie mehrheitlich nach eigener Aussage weder für das NS-Regime eine solche Massenvernichtungswaffe entwickeln wollten, noch hierfür ausreichend Industriekapazität und Rohstoffe zur Verfügung hatten. Noch in den letzten Kriegstagen, als die alliierten Streitkräfte nur wenige Kilometer von ihren Versuchsstätten entfernt waren, experimentierten die deutschen Kernphysiker mit ihren Reaktorkonstruktionen – doch es gelang nicht, der Uranbrenner löste keine Kettenreaktion aus.

Nach dem Krieg setzten Heisenberg, Hahn und ihre Mitstreiter alles daran, schnellstmöglich an ihre Kriegsarbeiten anzuknüpfen. Das war nicht einfach, denn das Besatzungsstatut der Alliierten untersagte zunächst derlei Forschungen. Außerdem fehlte das nötige Geld für Personal, Laboratorien und Großgeräte. Die experimentelle Kernphysik, für die in den 1920er und 1930er Jahren noch Holztische, Glasgefäße und elektrische Messgeräte ausgereicht hatten, war durch die revolutionären Fortschritte im Zweiten Weltkrieg in ein neues Stadium eingetreten, in dem Forschungsarbeiten Milliardensummen voraussetzten, den Etat einer Universität hoffnungslos überforderten. Daher bedurfte die Kernforschung spendabler und risikobereiter Geldgeber, des Staats und der Wirtschaft. Heisenberg und Hahn, die beide Nobelpreisträger waren, bemühten sich seit 1946 unerlässlich um die Förderung ihres Forschungsbereichs. Unermüdlich hielten sie Vorträge, gaben Interviews und schrieben Artikel, knüpften Kontakte zu Politikern und Managern. Wo sie nur konnten, stellten sie die Vorzüge von der Kraft des Atoms heraus, malten sie Szenarien, in denen die Menschen ihre Haushaltsgeräte mit Atomstrom betreiben, in atomgetriebenen Flugzeugen umherfliegen und vordem tödliche Krankheiten mit radioaktiver Strahlung heilen. Kurzum: Sie versprachen mit der Atomkraft einen enormen Zivilisationsfortschritt – und freilich eine lukrative Einnahmequelle für Unternehmen.

Dabei stellte sich ihnen lediglich ein grundlegendes Problem: In der Geschichte der Menschheit war Atomkraft zum ersten Mal nicht als heilsbringender Energiespender, sondern als verheerende Waffe zum Einsatz gekommen. Mit Hiroshima und Nagasaki, nicht mit Strom und Medizin assoziierten die meisten Menschen die neue Technologie. Zu Beginn der 1950er Jahre verbreitete das Atomzeitalter in Deutschland, noch verstärkt durch die noch frische Erfahrung der beklemmenden Bombennächte des Luftkriegs, Angst und Schrecken, nicht Glück und Zuversicht. Heisenbergs und Hahns Tätigkeit war in den Augen vieler ihrer Mitbürger eine unheilvolle Wissenschaft mit Todesfolge, „not an occupation for gentlemen anymore“[2], wie Gerlach 1956 bemerkte. Hinzu kam, dass der Bundeskanzler, Konrad Adenauer, und sein Verteidigungsminister, Franz Josef Strauß, mit eigenen Kernwaffen für die Bundesrepublik liebäugelten. Nicht etwa, weil sie einen despotischen Imperialismus verfolgten und nach neuerlichen Angriffskriegen strebten. Nein, in Atomwaffen sahen sie, ähnlich wie gegenwärtig der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, ein Statusobjekt, das ihnen Zugang in die Riege der bedeutsamen Staaten verschaffen würde. Außerdem misstrauten sie dem amerikanischen Verteidigungsversprechen, wussten nicht, wie das Weiße Haus im Ernstfall einer Invasion sowjetischer Panzerdivisionen der Roten Armee reagieren würde.

Jedenfalls: Die Nuklearwissenschaftler verfolgten die Strategie, ihre Arbeiten als ungefährliche, ja segenreiche Dienstleistung am Fortschritt zu präsentieren. Gegenüber der Öffentlichkeit beteuerten sie, niemals an einer militärischen Verwendung mitzuwirken. Aber in ihren Augen reichte das nicht. Zusätzlich wollten sie die Bundesregierung ebenfalls zu einem Verzicht auf jegliche Kernkraftnutzung im militärischen Kontext verpflichten, am besten sogar einen entsprechenden Passus ins Grundgesetz aufzunehmen. Ihre Bemühungen verliefen sich jedoch, obwohl sie dem 1955 neugeschaffenen Atomministerium als Berater nahestanden. Im Kontakt mit Regierungsmitgliedern, der Ministerialbürokratie und anderweitigen Politikern kamen sie nicht weiter. Hier stießen ihre wissenschaftliche Autorität und politische Durchsetzungskraft an eine Grenze. Eine andere Möglichkeit eröffnete sich ihnen jedoch im Frühjahr 1957. Gegenüber Pressevertretern hatte Adenauer sogenannte „taktische“ Atomwaffen als eine bloße „Weiterentwicklung der Artillerie“ bezeichnet und damit verharmlost. Denn die Wortwahl des Kanzlers unterschlug die Zerstörungskraft und radioaktive Kontamination selbst kleiner Atomwaffen, die inzwischen jene der Hiroshima- und Nagasaki-Bomben bei Weitem übertrafen, wohingegen eine Wasserstoffbombe bereits einen ganzen „Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen“ konnte, wie es kurz darauf in der Göttinger Erklärung hieß.

In der Arena der Öffentlichkeit konnten die Atomwissenschaftler ihre persönlichen Stärken weitaus besser als in Kommissionen und Hinterzimmern ausspielen. Mit Professorentiteln, Nobelpreisen und dem Verweis auf jahrelange Forschungstätigkeit traten sie als ebenso beschlagene wie unbestechliche Experten auf. Sie kritisierten die Verteidigungspolitik der Bundesregierung als ein Konzept, das sie „auf die Dauer für unzuverlässig“ hielten, „den Frieden und die Freiheit zu sichern“, und befanden es „im Falle des Versagens für tödlich“. Es gebe „keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen“, weshalb ein Land wie die Bundesrepublik „den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet“. Sie selbst gelobten, sich nicht „an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen“. Hingegen betonten sie, „daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern“. Damit unterschieden sie die Kernkraftnutzung in einen schlechten, militärischen Pfad und einen guten, zivilen. Dass allerdings auch Letzterer eigene Gefahren beinhaltete, vernachlässigten, verschwiegen sie mithin. Auf diese Weise beeinflussten sie die Anti-Atomproteste, die sich zunächst ausschließlich gegen Kernwaffen, nicht aber Atomreaktoren richteten.

Das Beispiel der Göttinger Erklärung demonstriert die ambivalente Rolle von Experten in der Politik. Indem sich die Atomforscher allesamt der Öffentlichkeit als parteipolitisch neutrale, überdies inhaltlich sachverständige Persönlichkeiten präsentierten – Persönlichkeiten also, die der weltanschaulichen Parteinahme unverdächtig und zugleich als Meister ihres Fachs in der fraglichen Angelegenheit außerordentlich kompetent sind –, galten sie weithin als Urheber eines zuverlässigen, ja untrüglichen Urteils und als moralisch vorbildliche Figuren. Offenbar taugten sie dazu, die Sehnsüchte einer politisch interessierten Öffentlichkeit zu bedienen, das dringliche Bedürfnis nach unfehlbaren und politisch unvoreingenommenen Fachmännern zu stillen, die in einer irritierenden Wirklichkeit orientieren.

Dieser Eindruck täuschte jedoch über die Eigeninteressen einiger der achtzehn Manifestanten hinweg, die eben nicht sämtlich als unbefangene Experten auftraten, sondern zielstrebig ihre eigenen Zwecke verfolgten und damit ihr Urteil verzerrten. Sie wollten die Öffentlichkeit von der angeblichen Notwendigkeit überzeugen, zivile Kernforschung zu fördern, um irgendwann einmal von deren vermeintlich zweifelsfrei nützlichen Errungenschaften profitieren zu können. Dabei enthielten sie der Öffentlichkeit zugunsten ihres Interesses an Forschungsgeldern allerdings Informationen vor, erwähnten z.B. mit keinem Wort die durchaus bekannten oder zumindest absehbaren Risiken und Probleme von nuklearer Energieerzeugung – von der Gefahr einer Reaktorexplosion bis hin zu der Entsorgung radioaktiver Abfälle. Sie nahmen eine von mehreren möglichen Perspektiven ein, verzichteten damit – ganz unwissenschaftlich – auf eine erschöpfende Argumentation, die auch Alternativen berücksichtigt.

Der Rat von Experten in der Politik, das zeigt die Göttinger Erklärung, sollte nicht vorbehaltlos befolgt und kurzerhand als sachlich richtige Alternative interpretiert werden. Diese Erkenntnis gewinnt gerade heute an Bedeutung – einer Zeit, in der politische Akteure häufig ihre Entscheidungen mit dem pauschalen Verweis auf die Autorität von vorgeblichen Spezialisten rechtfertigen.

Dr. Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. 2011 hat er das Buch „Protest der Physiker. Die >>Göttinger Erklärung<< von 1957“ veröffentlicht.


[1] Die als „Göttinger Achtzehn“ bekannten Professoren waren: Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Pauli, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker und Karl Wirtz.

[2] Gerlach, Walther: Der Mensch im Atomzeitalter (Vortrag vom 12.03.1956), abgedruckt in: ders.: Humanität und naturwissenschaftliche Forschung, Braunschweig 1962, S. 148-166, hier S. 159.