Seit sieben Jahren im Chefsessel des Front National

Beitrag verfasst von: Anne-Kathrin Meinhardt
[analysiert]: Anne-Kathrin Meinhardt zur politischen Karriere Marine Le Pens.

Kürzlich, im Januar 2018, fand der Jahrestag ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden zum siebten Mal statt: Seit dem 15. Januar 2011 ist Marine Le Pen Chefin des französischen Front National (FN). Als historisch erst zweite Person an der Parteispitze hatte sie ihren Vater, den Parteigründer Jean-Marie Le Pen, per Wahl abgelöst. Grund genug, genauer hinzusehen: Wie hat Marine Le Pen es geschafft, den Chefsessel zu erklimmen und dort bis heute zu bleiben?

 

Eine Trias an Faktoren hat Le Pen auf ihrem Weg geholfen:

 

  1. Der Einfluss ihres Vaters

Die Startbedingungen der im Sommer 1968 geborenen Marion Anne Perrine waren geprägt von einem politisierten und gutbürgerlichen Elternhaus; ihr Vater war als Politiker des rechtsextremen Front National tätig. Die jüngste der drei Töchter, Marine genannt, beschreibt selbst,[1] sie sei nicht nur durch den familiären Alltag politisch geprägt worden, sondern auch durch besondere Ereignisse in ihrer Kindheit, wie einem Attentat auf die Familienwohnung, das als politisch motiviert galt, oder aber dem plötzlichen Verschwinden der Mutter, die zum Biographen ihres Mannes ging, als Marine Le Pen 16 Jahre alt war. Marine Le Pens Beziehung zum Vater hat sich dadurch anscheinend verstärkt; der Journalist Romain Rosso nennt die beiden ein unzertrennliches Tandem, das durch die Stärke der Ereignisse geformt wurde.[2] Damit spielt hier insbesondere jener Teil der politischen Sozialisation eine wichtige Rolle, bei dem „ein Individuum sich […] Persönlichkeitsmerkmale, Kenntnisse, Fähigkeiten und Werte aneignet[3]. Für Marine Le Pen waren dies die ersten Schritte im Kontakt zur Politik. Aber neben dieser passiven Lernweise, gekennzeichnet durch das allgegenwärtige politische Handeln des Vaters in der Familie, erhielt Marine Le Pen in den ersten Jahren auch eine aktive politische Sozialisation, indem sie z.B. schon im Alter von fünf mit dem Vater demonstrieren ging.

Nach ihrem Abitur nahm Le Pen ein Studium der Rechtswissenschaften an der Assas-Universität in Paris auf – wie einst ihr Vater. Die staatliche Hochschule genießt nicht nur einen sehr guten fachlichen Ruf, sie ist auch für die Präsenz rechten Gedankenguts, etwa in Gestalt der rechtsextremen Studentenorganisation GUD, die Group Union Défense, bekannt.[4] 1990 folgte für Le Pen der erfolgreiche Studienabschluss und zwei Jahre später das Anwaltsdiplom. Ihr Ausbildungsweg verlief also geradlinig und ambitioniert.

Zwar wollte Marine Le Pen nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt keine Politikkarriere einschlagen, doch stellte sie mit ihrem Lebensweg bereits früh erste Weichen für ihren späteren Erfolg. So begann sie während des Studiums mit dem Aufbau eines Netzwerks, das ihr größtenteils bis heute treu geblieben ist. Ihr Vater hat dazu beigetragen, indem er Parteimitglieder, die seiner Tochter im Weg standen oder sich nicht an die Parteilinie hielten, kurzerhand aus dem FN ausschloss oder seine Tochter eigenmächtig in neue, meist einflussreichere Parteipositionen erhob. Jean-Marie Le Pen war damit Marines wichtigster Mentor.

Für hohe Positionen ist im politischen System Frankreichs eigentlich der Weg über eine der Eliteuniversitäten eine Grundvoraussetzung,[5] wofür wiederum ein finanziell und kulturell gut ausgestattetes Elternhaus notwendig ist. Insbesondere Letzteres konnte Marine Le Pen vorweisen, sodass ihr Weg außerhalb einer expliziten Eliteuniversität wie der ENA anscheinend nicht als Hindernis fungierte bzw. mindestens kompensiert wurde. Sie ist insofern einen untypischen Weg gegangen, als sie zwei klassische Karriereverläufe gemischt hat und einerseits von jungen Jahren an politisch aktiv war, andererseits zunächst als Anwältin arbeitete, bevor sie in die Berufspolitik wechselte. Für ihren politischen Erfolg von Bedeutung waren somit der Einfluss des Vaters, indem er bspw. für sie neue Parteiposten geschaffen hat, sowie persönliche Eigenschaften – womit wir beim zweiten Faktor sind:

 

  1. Marine Le Pens Persönlichkeit

Als Voraussetzung für ihren Erfolg besitzt Marine Le Pen die notwendigen Eigenschaften, um in der von Männern dominierten politischen Welt zu bestehen: Sie ist eine machtbewusste, ehrgeizige, kämpferische Frau, die ihr Ziel vor Augen hat und weiß, wie sie es erreichen will. Als ihre für den politischen Erfolg aber wichtigsten Eigenschaften gelten ihre kommunikativen Fähigkeiten, mit denen sie ein gewisses Charisma zu generieren vermag.[6] Sie verfügt über die Fähigkeit, die Zustimmung vieler Menschen hervorzurufen; sie weiß sich zu präsentieren und zu überzeugen. Sie ist rhetorisch gewandt und strahlt Präsenz aus. Ihr Auftreten unterscheidet sich dabei in vielen Punkten von ihrem eher ruppigen Vater und Vorgänger, was sie gesellschaftlich akzeptabler macht. So kam es, dass Marine Le Pen mit Hilfe der Wahlsiege sich immer tiefer im FN verwurzeln konnte. Trotz dieser Vorteile musste sie aber auch gegen Widerstände kämpfen; schließlich verkörpert sie eine Modernität, die für die Partei völlig neu, für viele Wählerinnen und Wähler aber ansprechend war. Dabei schreckte sie letztlich auch nicht vor dem Bruch mit dem Vater zurück, dessen Ausschluss aus der Partei sie mit vorantrieb. Dabei hat ihr Geschlecht – Frauen in hohen Positionen sind eine Ausnahme im FN – keine negativen Auswirkungen gehabt. Vielmehr unterstreicht dieses die inhaltlichen Veränderungen, die ein großer Teil ihrer Strategie sind – Faktor Nummer drei.

 

  1. Ihre Strategie

Anknüpfend an ihren Charakter gehört zu Marine Le Pens politischer Strategie v.a. die für den FN neue Sprache, mit der sie die traditionellen Inhalte der Partei anders transportiert, um eine breitere Zustimmung zu erhalten. Mithilfe der sogenannten dédiabolisation, der Entteufelung, will sie die Partei aus der rechten Ecke in die Mitte der Gesellschaft holen und den FN zu einer Regierungspartei umwandeln. Marine Le Pens Außenwirkung hat somit einen direkten Einfluss auf ihren Status innerhalb der Partei. Sie hat verstanden, dass die Medien als Spiegel fungieren können. Je angesehener sie in den Medien ist, umso höheres Gewicht erhält ihr Wort auch im FN.[7] Primär will sie demnach ihre Partei von außen erobern und führen – bis dato steht keine ernsthafte Konkurrenz für die Chefposition in Aussicht. Kennzeichnend für den FN ist auch die Dominanz der Führungsperson, die für populistische Parteien generell charakteristisch ist. Marine Le Pen hat dies sowie die Bedürfnisse des Zeitgeists wie niemand sonst im FN erkannt und ihre Politik danach ausgerichtet. Der FN ist heute strukturell auf ihre Person fokussiert. Seit der Niederlage gegen Emmanuel Macron bei den Präsidentschaftswahlen 2017 rumort es zwar etwas in ihrer Partei; aber wirklich zum Wackeln konnte Marine Le Pens Position bislang keiner bringen. Einerseits kann ihr Abschneiden angesichts des kräftigen Stimmenzuwachses als Erfolg verzeichnet werden; andererseits scheint ein schneller Wechsel an der Spitze des FN schwierig, hat Le Pen doch bspw. ihren ehemals engen Vertrauten Florian Philippot rasch entmachtet, nachdem dieser sich quergestellt hatte. Nach der verlorenen Präsidentschaftswahl kämpfte er parteiintern vehement gegen eine mögliche Abkehr von der europäischen Ausstiegspolitik, die in vielen Analysen als eine der Ursachen der Niederlage gegen Macron ausgemacht worden war und sammelte seine Anhänger in einem Verein. Subtil hat Marine Le Pen daraufhin ihre Machtressourcen zur Geltung gebracht und ihm jegliche formalen Einflussmöglichkeiten in der Partei entzogen. Offiziell hätte er zwar Vizevorsitzender bleiben können, wäre im Grunde genommen aber ohne Aufgaben und Kompetenzen gewesen. Anscheinend ist genau das der Kern von Marine Le Pens Führungsstil: Sobald jemand innerhalb der Partei sich ihr entgegenstellt, wird er rigoros demontiert. Da dies aber niemand riskieren möchte – nach dem Motto: „besser nur limitierten Einfluss haben als gar kein Mitspracherecht“ –, solidarisiert sich auch keiner mit Philippot. Dieser hat die Partei inzwischen verlassen.

Die geschilderten Faktoren ergänzen einander und führen nur in Kombination zum Ziel. Marine Le Pens Strategie wäre wohl kaum aufgegangen, hätte sie nicht auch über die beiden ersten Faktoren verfügt: Für ein anderes Parteimitglied ohne die familiäre Bindung zum Parteigründer und ohne ihre persönlichen Charakteristika wäre es mit der gleichen Strategie wesentlich schwieriger, wenn nicht gar unmöglich gewesen, an die Parteispitze des FN zu gelangen. Es wird sich zeigen, wie weit diese Konfiguration tragen wird. Aktuelle Auseinandersetzungen um inhaltliche und strategische Fragen in der Partei, lassen erwarten, dass Marine Le Pens Führungsanspruch nicht ohne Herausforderungen bleiben wird.

Anne-Kathrin Meinhardt ist Wissenschaftliche Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Siehe Le Pen, Marine : À contre flots, Paris 2006, S. 17.

[2] Siehe Rosso, Romain: La face cachée de Marine Le Pen, Paris 2011, S. 179.

[3] Greiffenhagen, Sylvia: Politische Sozialisation, in: Greiffenhagen, Martin/Greiffenhagen, Sylvia (Hrsg.): Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2002, S. 408–418, hier S. 408.

[4] Vgl. Destal, Mathias/Turchi, Marine: „Marine est au courant de tout …“. Agent secret, financements, hommes de l’ombre. Une enquête sur Marine Le Pen, Paris 2017, S. 87.

[5] Vgl. Kreuzer, Marcus/Stephan, Ina: Frankreich: Zwischen Wahlkreishonorationen und nationalen Technokraten, in: Borchert, Jena (Hrsg., unter Mitarb. v. Jürgen Heiß): Politik als Beruf. Die politische Klasse in westlichen Demokratien, Opladen 1999, S. 161–185, hier S. 173.

[6] Vgl. Rohr, Mathieu v.: Der Erfolg der Madame Wut, in: Spiegel Online, 04.07.2011, URL: http://www.spiegel.de/print/d-79303823.html [eingesehen am 12.07.2017].

[7] Vgl. Bieganski, Stéphane: Marine Le Pen, celle qui fait trembler la République, Vanves 2011, S. 23 f.