„Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall: Wie gespalten ist Deutschland?“

Kurzbeschreibung:

Interview und Diskussion mit Prof. Dr. Steffen Mau im Kontext des Seminars von Jun-Prof. Dr. Theres Matthieß am 03.02.2026.

Im Rahmen des Seminars von Prof. Dr. Theres Matthieß „Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall: Wie gespalten ist Deutschland?“ hatten die teilnehmenden Studierende am 03.02.2026 im Format eines Experteninterviews die Möglichkeit, mit Steffen Mau über zentrale Fragen und Erkenntnisse aus der Lehrveranstaltung zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands seit dem Mauerfall zu diskutieren. Ausgangspunkt war sein Buch „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ , das die anhaltenden politischen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland analysiert und eine zentrale Lektüre des Seminars darstellte. Der Leitfaden für das Interview wurde im Seminar von den Studierenden vorbereitet. Herr Overmann und Frau Schliewe führten das Interview stellvertretend für den Kurs durch.

Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit Oktober 2025 Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften (Göttingen). Mit seinem 2024 erschienenen Buch „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ hat er eine breite Debatte über die fortbestehende Spaltung zwischen Ost und West angestoßen.

Zu Beginn des Gesprächs standen die Demokratisierungsprozesse in der späten DDR und im Zuge der Wiedervereinigung im Fokus. Die Interviewenden baten Mau um eine Erläuterung zentraler Begriffe wie des „ready-made state“ und der „ausgebremsten Demokratisierung“ aus seinem Buch, mit denen er den Vereinigungsprozess beschreibt. Bereits im Jahr vor der offiziellen Auflösung der DDR habe sich eine neue Öffentlichkeit herausgebildet – sichtbar in der Entstehung der Bürgerrechtsbewegung, einzelner freier Medien und einer Vereinskultur. Es habe Impulse zur Demokratisierung und zur Ablösung von alten Eliten gegeben. Durch die schnelle Wiedervereinigung und die weitgehende Übertragung der westdeutschen Institutionen auf die ehemalige DDR seien diese eigenständigen Reformprozesse jedoch gebremst worden. Zudem habe sich in Ostdeutschland eine politische Kultur entwickelt, die weniger stark in der repräsentativen Parteiendemokratie verankert sei. Stattdessen zeigte sich, etwa in den Protesten des Herbstes 1989 oder bei Pegida-Demonstrationen, dass andere Formen politischer Artikulation, die stärker auf Beschwerdeführung gegenüber Eliten setzten, bevorzugt würden. Zudem werde in Ostdeutschland eine größere Distanz zwischen Eliten und Bevölkerung wahrgenommen, weshalb direktdemokratische Formate wie Runde Tische auf besondere Zustimmung träfen.

Die Frage, ob eine genuin ostdeutsche Partei eine andere Entwicklung hätte anstoßen können, verneinte Mau. Auf Bundesebene hätte eine solche Partei langfristig vermutlich keine Erfolge erzielt. Die PDS habe zunächst eine nostalgische Funktion in Erinnerung an die DDR erfüllt, diese Rolle jedoch spätestens mit dem Zusammenschluss mit der WASG Anfang der 2000er Jahre verloren. Die wahrgenommene Lücke werde zunehmend von der Alternative für Deutschland (AfD) besetzt. Gewerkschaften als Form kollektiver Interessenvertretung bewertet Mau ambivalent: Zwar seien sie in Ostdeutschland inzwischen besser organisiert, und es zeige sich, dass mehr Mitbestimmung in Unternehmen mit geringerer AfD-Zustimmung einherginge. Gleichzeitig finde sich gerade in von Transformationen betroffenen Branchen – etwa der Automobilindustrie – ein hoher Anteil an AfD-Wählerinnen und -Wählern. Innerhalb der Gewerkschaften entstünden zunehmend Spannungen, wenn Funktionäre zugleich Parteimitglieder seien, was jedoch auch produktive Auseinandersetzungen ermöglichen könne.

Im Hinblick auf autoritäre Einstellungen und die politische Kultur in Ostdeutschland interessierte die Studierenden die These eines kollektiven Traumas infolge der Wende im Zusammenhang mit einer Wahrnehmung von Abwertung und Ohnmacht. Mau verwies auf eine wissenschaftliche Debatte, welche die politische Kultur mit Folgeschäden der Diktatur, d.h. einem Mangel an demokratischen Erfahrungen, oder den Belastungen der Transformation – insbesondere wirtschaftlicher Unsicherheit und Prekarisierung – in Zusammenhang bringt. Die tiefgreifenden wirtschaftlichen Einbrüche und die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung hätten das politische Selbstverständnis vieler Ostdeutscher nachhaltig geprägt. Ein Gefühl der Abwertung im Vergleich zu Westdeutschland sei bis heute präsent. Mau hob hervor, dass Demokratisierungsprozesse unter Bedingungen wirtschaftlicher Krisen – wie im Fall der ehemaligen DDR –häufig mit einer schwächeren inneren Bindung der Bevölkerung an demokratische Normen einhergingen. Ähnliche Entwicklungen ließen sich auch in osteuropäischen Staaten beobachten, die durch instabile Parteiensysteme, hohe Wählervolatilität und das Wiedererstarken extremer Parteien gekennzeichnet seien. Während in Westdeutschland parteinahe Milieus und langfristige Bindungen an Parteien gewachsen seien, hätten sich solche Strukturen in Ostdeutschland kaum herausgebildet. Entsprechend seien auch jüngere Generationen häufig ohne feste Parteibindung sozialisiert worden.

Ein weiterer Themenblock widmete sich der Frage, ob eine stärkere Repräsentation Ostdeutscher in Elitenpositionen die Zustimmung zum politischen System erhöhen könne. Mau hält eine solche Repräsentation für wichtig, bezweifelt jedoch ihre durchschlagende Wirkung. Angesichts des verbreiteten Distanzgefühls gegenüber Eliten könnten ostdeutsche Vertreterinnen und Vertreter jedoch eine vermittelnde Rolle einnehmen. Dies würde insbesondere auf lokaler Ebene und angesichts des Erstarkens einer zunehmenden Betonung der ostdeutschen Identität unter jüngeren Menschen relevant sein. Diese ostdeutsche Identität beschreibt Mau als „dünne Identität“. Sie basiere zwar auf dem gemeinsamen Erfahrungsraum des Aufwachsens oder Lebens in Ostdeutschland, verbinde aber höchst unterschiedliche Interessen an einem solchen Identitätserleben. Am Beispiel von Fußballvereinen zeige sich, wie aus wahrgenommener externer Abwertung eine „Underdog-Kultur“ entstanden sei – ein Narrativ, das allerdings auch von rechtsextremen Gruppen instrumentalisiert werde.

Das verstärkte Interesse an der Herausbildung einer ostdeutschen Reflexionsgemeinschaft vergleicht Mau mit Identitätsdebatten in der zweiten oder dritten Generation von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Während die erste Generation Unterschiede eher als vorübergehende Nachteile akzeptiere, artikulierten nachfolgende Generationen Ungleichbehandlungen deutlicher und forderten Anerkennung ein. Dies könne aus positiver Sicht aber auch auf eine stärkere Integration und die Eroberung der institutionellen Möglichkeiten hinweisen, durch welche Ungleichheiten sichtbar gemacht werden können.

Auf die Frage nach der eigenen ostdeutschen Identität verwies Mau auch auf die starke externe Zuschreibung, die ihm im Zuge der Publikation seines Buches widerfahren sei. Lange habe er sich selbst nicht über eine ostdeutsche Identität definiert, werde nun jedoch häufig als „Klassensprecher für Ostdeutschland“ wahrgenommen. Ihm sei wichtig, dass die Pluralität der Erfahrungen mit der DDR bzw. einem Leben in Ostdeutschland sichtbar wird. Entsprechend sei zwar eine stärkere Sensibilisierung in Westdeutschland für bestehende Unterschiede sinnvoll, jedoch dürften Menschen in Ostdeutschland weder kollektiv verurteilt noch pauschal unkritisch betrachtet werden. Entscheidend sei, die bestehende Meinungsvielfalt in Ostdeutschland anzuerkennen.

Dahingehend ging es im letzten Teil des Interviews um Perspektiven zur Stärkung der ostdeutschen Zivilgesellschaft, insbesondere vor dem Hintergrund hoher AfD-Zustimmungswerte. Während Mau in seinem Buch noch eine konstruktivere Perspektive einnehme, blicke er aktuell pessimistisch auf die zivilgesellschaftliche Beteiligung und mögliche Gegenmobilisierungen. Der von der AfD angestoßene politische Kulturwandel erschwere zivilgesellschaftliches Engagement; zunehmende Anfeindungen gegenüber Journalistinnen und Journalisten, Lehrkräften und vor allem Lokalpolitikerinnen und -politikern führten zu deren Rückzug aus der Öffentlichkeit. Es zeige sich eine wachsende Spaltung in Teilgesellschaften und starke Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen. Ein lineares Wachstum der AfD erwartet Mau zwar nicht, einen Stimmenanteil von 50 Prozent hält er bei künftigen Wahlen jedoch für nicht ausgeschlossen.

Ob eine Überwindung struktureller Schwächen in Ostdeutschland diesen Trend umkehren könne, beurteilt Mau skeptisch. Die Veränderung der politischen Kultur erscheine zumindest vorläufig irreversibel. Auch eine „Entzauberung“ durch Regierungsverantwortung sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kein verlässlicher Gegenmechanismus. Chancen sieht er vielmehr in langfristigen, kleinteiligen Prozessen, in denen Parteien vor Ort konkrete Problemlösungskompetenz zeigen. Gleichzeitig verstärke der allgemeine gesellschaftliche Wandel Gefühle von Überforderung und Unsicherheit – was wiederum rechte Kräfte nähre.

Abschließend erläuterte Mau seinen Vorschlag, Bürgerräte stärker zu etablieren. Diese versteht er nicht als Ersatz parlamentarischer Verfahren, sondern als Übungsräume demokratischer Entscheidungsfindung. Bürgerräte seien kein Allheilmittel, könnten jedoch demokratische Selbstwirksamkeit erfahrbar machen. Erste empirische Studien deuteten darauf hin, dass extreme Positionen moderiert würden, ein konstruktiverer Austausch entstehe und Teilnehmende Freude an politischer Mitgestaltung entwickelten – teilweise auch als Einstieg in die Kommunalpolitik. Unklar sei bislang, inwieweit ganze Gemeinden oder primär die beteiligten Individuen profitierten. Dass Bürgerräte ein relevantes Beteiligungsformat und mögliches Präventions- oder Interventionsinstrument sein könnten, zeige auch die ablehnende Haltung der AfD auf seinen Vorschlag. Obwohl diese sich grundsätzlich für direktdemokratische Instrumente wie Volksentscheide ausspräche, liegt der Unterschied laut Mau darin, dass Volksentscheide vor allem Meinungsbekundungen darstellten, während Bürgerräte eine informierte und deliberative Meinungsbildung förderten.

Zusammenfassend spiegelte sich die Aktualität und Relevanz der Diskussion über die Zusammenhänge zwischen dem Transformationsprozess der deutschen Einheit aus den 1990er Jahren und den gegenwärtigen politischen Herausforderungen in den Fragen der Studierenden und ihrer Interaktion mit Professor Mau wider. Die Veranstaltung bot den Studierenden nicht nur die Möglichkeit, sich vertieft und mit zusätzlicher Motivation mit einer zentralen Lektüre der Lehrveranstaltung auseinanderzusetzen und Seminarinhalte zu rekapitulieren, sondern auch, sich in der organisatorischen und methodischen Vorbereitung und Durchführung eines Experteninterviews bzw. eines solchen Veranstaltungsformates auszuprobieren, was ihnen mit vollem Erfolg gelang.