„Es ist die nackte Angst“

Beitrag verfasst von: Thomas Prenzel

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[gastbeitrag]: Thomas Prenzel über das rassistische Pogrom um das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren.

„Wenn die Politiker nicht imstande sind, in Lichtenhagen für Ordnung zu sorgen, muß sich der gemeine Bürger eben selber zur Wehr setzen“[1], war am 24. August 1992 in einer Rostocker Lokalzeitung zu lesen. Seit zwei Tagen attackierten zu diesem Zeitpunkt hunderte Menschen in dem Neubauviertel Lichtenhagen eine Unterkunft von Asylsuchenden und ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter. Tausende klatschten Beifall. Nachdem die Flüchtlinge noch am selben Tag evakuiert worden waren, richtete sich die Gewalt gänzlich gegen die Vietnamesen. Am Abend stürmten Angreifer ihr Wohnhaus, verwüsteten die Einrichtung und legten schließlich Feuer. Mehr als 120 Menschen waren in dem Gebäude eingeschlossen und konnten nur mit der Flucht über das Dach ihr Leben retten. Aus der johlenden Menge tönte ihnen immer wieder „Deutschland den Deutschen“ entgegen und: „Wir kriegen euch alle“.[2]

Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen[3] war die größte Eskalation rassistischer Gewalt in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte – und zugleich Teil einer Welle rechter Angriffe auf Asylsuchende und Migranten, die unmittelbar nach der deutschen Vereinigung einsetzte. Bei Überfällen auf Unterkünfte von Flüchtlingen und Vertragsarbeitern, Hetzjagden von Neonazi-Skinheads oder Brandanschlägen auf Wohnhäuser wie in Solingen und Mölln starben Dutzende Menschen, unzählige wurden verletzt. Erst nach einem Jahrzehnt flaute diese Gewalt, die insbesondere in Ostdeutschland fast alltäglich geworden war, ab.

Zugleich steht die Zuspitzung in Rostock in unmittelbarem Zusammenhang mit politischen Debatten und Stimmungen dieser Zeit. Lange wurde das individuelle Recht auf Asyl, das die Gründergeneration der Bundesrepublik unter dem Eindruck von Verfolgung und Terror durch die Nationalsozialisten festgeschrieben hatte, nur von einigen tausend Menschen im Jahr wahrgenommen. Mit zunehmenden internationalen Umbrüchen und Krisen stiegen die Zahlen jedoch rasant an: 1988 wurden etwa 100.000 Asylanträge registriert, zwei Jahre darauf waren es bereits doppelt so viele; der Höchststand wurde 1992 mit fast 440.000 Asylsuchenden erreicht.[4]

Als die Zahl der Flüchtlinge anstieg, nahm die Auseinandersetzung bisweilen schrille Töne an und Ressentiments wurden auch aus der Mitte der Gesellschaft geäußert. „Asyl“ wurde in den frühen 1990er Jahren für Politik und Öffentlichkeit zu einem Thema von besonderer Bedeutung und zum Symbol für Zuwanderung überhaupt. In Umfragen von 1992 sahen Ost- wie auch Westdeutsche das „Ausländerproblem“ als eines der wichtigsten bzw. das wichtigste Thema überhaupt an, deutliche Mehrheiten meinten, dass das Asylrecht missbraucht werde.[5] Zwei Drittel aller Befragten befürworteten eine Grundgesetzänderung.[6]

Rostock-Lichtenhagen wurde schließlich zu einem gewichtigen Argument der Anhänger einer solchen Änderung: Um einer Verschärfung der Gewalt gegen Migranten entgegenzutreten, fand sich die oppositionelle SPD zu einem Kompromiss mit der Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP zusammen, der die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Änderung von Artikel 16 GG sicherstellte.

INDES H.1-2015: Die 1990er JahreIn Ostdeutschland war es seit 1989 zusehends zu einer Eskalation rechter Gewalt gekommen: Unter dem Eindruck der Transformationskrise in den neuen Bundesländern, die mit der Überführung der staatlich kontrollierten Ökonomie der DDR in die Marktwirtschaft Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit entließ, paarten sich soziale Abstiegsängste mit einem völkischen Nationalismus. In einer anhaltenden Phase der politischen Desintegration nach dem plötzlichen Zusammenbruch des autoritären und ideologisch als „antifaschistisch“ überhöhten Staates hatten einfache Erklärungsmuster und extrem rechte Agitation Konjunktur. Die erfassten einschlägigen Straftaten vervielfachten sich rasant, im September 1991 kam es zu ersten tagelangen rassistischen Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda.[7] Auch in Mecklenburg-Vorpommern häuften sich vor und nach Rostock-Lichtenhagen landesweit Übergriffe mit Steinen, Knüppeln, Messern und Molotow-Cocktails auf Migranten und Flüchtlingsunterkünfte. Mehrere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, im März 1992 wurde ein Mann aus Rumänien in Ribnitz-Damgarten nahe Rostock ermordet.

Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Mecklenburg-Vorpommern (ZAST) war in dem jungen Bundesland 1990 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen eröffnet worden, neben einem Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter und in dem ob seiner charakteristischen Wandgestaltung sogenannten Sonnenblumenhaus. Diese Durchgangseinrichtung, von der Asylsuchende in andere Unterkünfte weiterverwiesen wurden, konnte 200 bis 300 Menschen aufnehmen. Bereits 1991 allerdings war das Gebäude überfüllt, im Frühjahr 1992 meldeten sich monatlich 800 bis 900 und im Juni schon mehr als 1.500 Personen bei der ZAST. Die Flüchtlinge waren gezwungen, teils mehrere Tage unter katastrophalen hygienischen Bedingungen unter freiem Himmel auf der Wiese vor der ZAST abzuwarten. Bereits im Sommer 1991 hatte ein Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen in Deutschland die Zustände in der ZAST als „nicht haltbar“ bezeichnet.[8] Zudem wurden die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung immer wieder von deutschen Jugendlichen bedroht.

Die Polizei war jedoch nicht vorbereitet, als sich am Samstag, den 22. August, mehrere tausend Menschen vor dem Sonnenblumenhaus einfanden. Ab dem frühen Abend flogen Steine, Flaschen, Leuchtraketen und Brandsätze gegen die Flüchtlingsunterkunft und das benachbarte Wohnheim der vietnamesischen Vertragsarbeiter. Am folgenden Tag setzten sich die Ereignisse fort. Imbissstände sorgten für Verpflegung, tausende Anwohner klatschten Beifall und boten Schutz und Unterstützung, als Hunderte die ZAST, das vietnamesische Wohnheim und die Polizei attackierten. Obwohl inzwischen mehr als 300 Polizeibeamte vor Ort waren, gelang es ihnen nicht, die Situation zu kontrollieren. Erstmals stürmten die Rechten an diesem Sonntag bereits das vietnamesische Wohnheim und drangen bis in den sechsten Stock vor, ehe die Sicherheitskräfte sie herausholten. Als am Abend eine Gruppe von 200 antifaschistischen Protestierenden spontan eine Demonstration anmeldete, zerstreuten sich die Angreifer. Die Polizei löste diese Versammlung jedoch entschlossen auf und nahm sechzig dieser Demonstranten wegen „Gefahr im Verzug“ in Gewahrsam.

Am Montagnachmittag, dem 24. August, räumten die Behörden die ZAST und verteilten die Asylsuchenden auf Heime in anderen Städten und Kreisen des Landes. Die Polizei rechnete zwar mit weiterer Gewalt, sah jedoch die Menschen im vietnamesischen Wohnheim trotz der Ereignisse der vergangenen Tage nicht gefährdet. Am Abend gerieten die Beamten in enorme Bedrängnis und zogen sich schließlich zurück. Die Angreifer drangen nun abermals in das Wohnheim ein, legten in den unteren Stockwerken Feuer und rückten in die oberen Etagen vor – wo mehr als 120 Vietnamesen, eine Handvoll deutscher Unterstützer, Wachmänner wie auch ein Kamerateam um ihr Leben bangten. Die Eingeschlossenen brachen einen Durchgang in die ebenfalls brennende ZAST auf und retteten sich von dort aus über das Dach in ein Nachbarhaus. Das Fernsehteam des ZDF nahm im Haus auf: „Das ist eine Situation, von der man uns vor einer Viertelstunde nur erzählt hat. Und plötzlich sind wir mittendrin. Und die Angst, die wir im Moment spüren, weil Leute unten Feuer legen, weil sie diese Menschen bedrohen, weil Menschen weglaufen, das ist die Angst, die diese Ausländer hier zwei Nächte lang gespürt haben. Und es ist die nackte Angst.“[9] Die Vietnamesen wurden schließlich in Busse geleitet und aus dem Stadtteil eskortiert. Während die Menge noch tobte, war Lichtenhagen „ausländerfrei“. Nun gab es dort nur noch Deutsche.

Ist das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen ein Ereignis der 1990er Jahre – jener Jahre, in denen Nationalismus und Rassismus nur in der Katerstimmung der Nachwendezeit und unter dem Eindruck der als Krise wahrgenommenen steigenden Flüchtlingszahlen in enthemmte und kollektive Gewalt umschlagen konnten? Die Bundesrepublik hat in den letzten Jahrzehnten einen weitreichenden Wandel durchlebt – zusehends akzeptiert sich Deutschland als Einwanderungsland und Heimat von Menschen unterschiedlichster Herkunft, statt auf „deutsches Blut“ im Staatsbürgerschaftsrecht zu pochen. Während Bundeskanzler Helmut Kohl sich noch der Trauerfeier für die Opfer des Mordanschlags von Mölln verweigerte und von „Beileidstourismus“ sprach, empfing Angela Merkel die Angehörigen der Opfer der NSU-Terrorzelle im Kanzleramt und positionierte sich deutlich gegen die „PEGIDA“-Demonstrationen des letzten Winters. Noch mehr als zehn Jahre nach dem „Aufstand der Anständigen“ existieren breite Förderprogramme gegen rechts, und regelmäßig blockieren Tausende Menschen Neonazi-Aufzüge, statt sich wie vor zwanzig Jahren bei Lichterketten vor allem um das Ansehen Deutschlands im Ausland zu sorgen.

Zugleich jedoch weisen Untersuchungen immer wieder auf die Beständigkeit und Verbreitung rassistischer Einstellungen hin, welche die Mitte der Gesellschaft durchziehen.[10] Die Unterbringung einer steigenden Zahl von Asylsuchenden stellt seit einiger Zeit viele Gemeinden vor vergleichbare Probleme wie vor 25 Jahren. Nicht selten gründen sich Bürgerinitiativen, die Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft ablehnen, und die Bundesregierung hat mit einer Gesetzesverschärfung reagiert und die Liste jener verfolgungsfreien Herkunftsstaaten, deren Bürger keinen Asylantrag stellen können, erweitert.

Angesichts dieser Aktualität scheint es zweifelhaft, Rostock-Lichtenhagen zu historisieren und zu musealisieren, wie es in Erinnerungsveranstaltungen, Dokumentationen und Spielfilmen zunehmend geschieht. Die lärmenden Töne der Asyldebatte wie auch der 1990er-Jahre-Chic der Rostocker Bürger mögen nur noch als Lektion der Vergangenheit taugen; Aufnahme und Integration von Flüchtlingen wie auch die Konfrontation mit Rassismus und rechter Gewalt sind jedoch Herausforderungen der Gegenwart.

Thomas Prenzel, geb. 1981, promoviert am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock.

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Originalbeitrags, der in der INDES-Ausgabe 1-2015 erschienen ist: „Das sind doch keine Menschen“. Die Debatte um das Grundrecht auf Asyl und die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen.

[1] Vetter, Ulrich Ben: Nächtlicher Angriff auf Ausländerheim. 13stündiges Schreckensspektakel in Lichtenhagen, in: Norddeutsche Neueste Nachrichten,24.08.1992, S. 4.

[2] Schmidt, Jochen: Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging, Berlin 2002; Landtag Mecklenburg-Vorpommern: Beschlußempfehlung und Zwischenbericht des 2. Untersuchungsausschusses nach Artikel 34 der vorläufigen Verfassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern und dem vorläufigen Untersuchungsausschußgesetz gemäß den Beschlüssen des Landtages vom 28. August 1992 und 10. September 1992. Drucksache 1/3277 vom 16.06.1993; vgl. Prenzel, Thomas: Rostock-Lichtenhagen im Kontext der Debatte um die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl, in: ders. (Hrsg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der rassistischen Gewalt, Rostock 2012, S. 9–29.

[3] Zur Diskussion des Pogrombegriffs Guski, Roman: „Das Wort Pogrom kannte ich nur aus Geschichtsbüchern“ – Nachwendepogrome im vereinten Deutschland, in: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, Jg. 16 (2012), H. 2, S. 26–35.

[4] Vgl. Münch, Ursula: Asylpolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklung und Alternativen, Opladen 1993; Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Das Bundesamt in Zahlen 2013. Asyl, Migration und Integration, Nürnberg 2014, S. 11.

[5] Vgl. Pahlke, Sylvia: Der Asylkompromiß 1992. Ursachen, Argumente, Konsequenzen (Diplomarbeit an der Universität Oldenburg), Oldenburg 1999, S. 55–59.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Pollack, Detlef: Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda, in: Berliner Debatte Initial, Jg. 16 (2005), S. 15–32.

[8] Zitiert nach Schmidt, Jochen: Der Brandanschlag von Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Ursachen, politischer und publizistischer Kontext und Folgen (Magisterarbeit im Fach Politikwissenschaften), Marburg 1998, S. 24.

[9] Zitiert nach Schmidt, Politische Brandstiftung, S. 103.

[10] Vgl. die Langzeitstudie Heitmeier, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände, Berlin 2002–2012 sowie die sogenannten Mitte-Studien der Universität Leipzig, zuletzt Decker, Oliver u.a.: Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014, Leipzig 2014.